Vielsprechende Graustimmler und die Frage, wie sich ein Leben ohne Synästhesie wohl anfühlt.

IMG_3854 Häufig haben Menschen eine graue Stimme. Und manchmal gibt es Situationen, in denen Graustimmler in einem sehr langen Zeitraum überbordend viele Wörter unterbringen wollen. Das tun auch Gelb-, Rosé,- und Weißstimmler, doch in diesem Text geht es aus aktuellem Anlass um Graustimmler.

Der Zeitraum quillt dann über an Wörtern und Gedanken, Sätzen und Ideen. Punkt und Komma werden nicht untergebracht, Absätze auch nicht, gar Atempausen. Es gibt auch keine Möglichkeit, den Lautstrom zu unterbrechen, weil diese Stimmler dann sagen: „Lass mich ausreden“ und noch lauter werden.

Der Stimmeninhaber (weiblich oder männlich) sieht in solchen Momenten aus wie ein Drache, der diese Wörter ausspeit und sein Gegenüber in einen Wortnebel hüllt. Aus diesem Wortnebel gilt es, sich den Inhalt herauszuklauben. Die Zeichnung zeigt nebenbei auch (leicht überzogen) meine Idee davon, wie sich Menschen, die ohne Synästhesie leben, nun vielleicht diesen Drachenmenschen vorstellen. Ob das Bild diese Vorstellung trifft?

Es ist schwer, mir so ein synästhesieloses Leben auszumalen. Wo wohnen Schneewörter in einem solchen Menschen? Gar Zahlen? Und Jahreszeiten, der Sonntag? Und wenn ein Wort kommt: wie sieht das dann aus? Wo bleibt es stehen? Ich bekomme auf diese Fragen immer nur Antworten, die mir unbegreiflich sind. Da sei nichts. Oder: Schriftart Times New Roman, aber auch nur wenn man sich das Wort bewusst vorstelle. Oder eben: der Inhalt sei schon da. In Gedanken. Wo die Gedanken seien? Im Gehirn natürlich. Ich finde das außerordentlich faszinierend, doch schwer vorstellbar.

Ursprünglich war das Bild farbig. Doch fiel mir auf, dass der schnellgraue Lautstrom nicht nur Wortfreunde und andere Farbwesen verschluckt, sondern auch die gesamte Person in einen grauen Nebel einhüllt. Daher ist es nun grau. Weil ich ja weiß, dass die sogenannte Realität, ihre Bezüge, Konventionen und Gesetze die Kommunikation erleichtern und es nicht angemessen wäre zu rufen: „Pass doch auf, du hast gerade das Wort Brötchen verschluckt!“ versuche ich trotzdem weiterhin, dem hastig dargebotenen Inhalt der Graustimmler zu lauschen und durch den Graunebel den Kern der vielen Aussagen zu ertasten. Auch weil die Person ja auch nichts dafür kann, dass ich den Drachen sehe.

Doch wenn es mir zu grau wird, dann drehe ich mich kurz weg. „Schau mich an, wenn ich mit dir rede!“ könnte unter Umständen daraufhin in meinen inneren Raum hereinpoltern und das wäre in so einer Situation ein Schreckenssatz und auch der gehört zur Realität, allerdings doch eher zu der von Kindern.

Wer übrigens niemals grauen Nebel von sich stößt sind Frauen mit Milchreisstimmen. Daher halte ich mich ausnehmend gerne in Änderungsschneidereien auf. Auch weil es einen gewissen Nervenkitzel beinhaltet, an den bestimmten Dingen vorbeizuschauen, deren Namen ich nicht mal nennen kann (man nutzt sie, um Kleidungsstücke zu schließen und es handelt sich dabei nicht um einen Reißverschluss).

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6 Gedanken zu “Vielsprechende Graustimmler und die Frage, wie sich ein Leben ohne Synästhesie wohl anfühlt.

  1. […] Sie wird beim Lesen nun vor sich hinmurmeln: “Ach Gott, Piksyn, nun werde mal nicht dramatisch.” (Natürlich sagt sie nicht Piksyn, sondern etwas anderes und das wird nicht einmal im Impressum verraten). Zum Glück basiert unsere Freundschaft nicht darauf, dass ich das Wort “herzzerreißend” aus synästhetischer Perspektive mag. Dennoch: was funkelt und strahlt ist doch gemeinhin etwas Schönes (siehe Geschmeide) – warum nicht auch diese Silben? Reißend. Reißend. Reißend. Ich will mich wegdrehen, wie bei speienden Graustimmlern. […]

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