Frau März hat recht, Zugfahren, Hannover mag die Zahl 4, der großmütterliche Nebenstrang, der kleine Junge.

Am gestrigen Sonntag, an dem ich von Frau Wankelmut März schon am frühen Morgen triumphierend angeschmunzelt wurde, fuhr ich nach Hannover. Vorher ließ sie es sich nicht nehmen, mir mit ihren blauen Möricke-Bändern vor den Augen herumzufuchteln und zu rufen: „Siehst du, siehst du? Ich kann das doch! Ich kann Sonne, Wärme und ehrlichen Frühlingsmorgenluftduft machen! Und ich kann Vögel schon ganz früh am Morgen hellblauweißklirrend singen lassen!“ – „Du führst dich ja schon auf wie Orange„, erwiderte ich etwas kleinlaut, denn sie hatte ja recht.

So gab ich auch nach, als Frau März dann um 6 Uhr morgens folgendes rief: „Mach ein Foto! Mach ein Foto! Und darüber musst du auch mal was schreiben, nicht immer nur über Schneeähnliches und Abendluft-Lügen!“ Ich tat wie mir geheißen. Mit Frau März möchte ich mich lieber nicht anlegen. Sie hat das Wetter in der Hand. Dass das Foto auch an jedem x-beliebigen Wintermorgen aufgenommen hätte werden können, war meine kleine Rache für den Winterschmach der letzten Wochen.

März

Im ICE nach Hannover, traf ich auf folgende Farben:

Frühstücksgeruch im Bordbistro: grauähnlich, weißlich.

Klimaanlagenkälte: lichthellweiß.

Stimme von Mann am Telefon: graufaltig.

Dialog in einer arabisch klingenden Sprache am Nebentisch: beigegelb und graublau.

Morgentauteeduft in meinem Becher: lavendelfarben.

Kellnerakzent: türkischblattgold.

Und die ganze Zeit schwebte das Ziel im inneren Raum herum: Hannover.

Der Begriff Hannover und die dazugehörige Stadt sind mir sehr vertraut, seit ich Farben sehe und denken kann. Recht unbeschreiblich sind für mich die Farben, doch Schokolade 4 und Haut 4 kommen recht nah an die Hannoverfarben heran. In diesem Farbspektrum steht ein großes, massives weißes H herum und die Beine vom H sind wie Marmorsäulen, stehen tief im braunen Grund.

Hannover ist auch ein wenig großmutterfarben. Auch wenn sie schon zu lange nicht mehr in dem, was wir als Realität anerkennen, weilt, so ist sie noch im Wort Hannover zu Hause. Rechts von den Buchstaben läuft sie durch ihre Wohnung, die sie schon ewig vor ihrem Tod nicht mehr bewohnte, und die Dielen knarzen unter flauschigen Teppichen. „Komm, wir gehen einmal ums Viereck, einmal am Tag geht man ums Viereck“, sagt sie und ich frage mich zum wiederholten Male, wo dieses Viereck wohl sein möge, denn ich bin erst 7 und ein Viereck ist gelbrot. Nichts ist gelbrot da draußen; Klinkerbauten stehen herum und der Maschsee ist elfenbeinfarben mit Dunkelblau-Elementen.

Das ist ein Nebenstrang vom Wort Hannover. Es gibt noch viele weitere Nebenstränge zu Hannover, tote und lebendige, und es gibt neue Namen und Wohnungen und Laminatboden (kein Teppich mehr); doch die Zeit im großmutterfarbenen Strang von Hannover ist angehalten – wenn ich mich in ihn begebe, riecht es auch ein wenig nach Niveacreme und Haarspray. Denn: bevor man einmal ums Viereck geht, cremt man sich noch die Hände ein und fixiert die dünne Dauerwelle.

Und dann kam ich in Hannover an und wurde ganz schnell in den Außenraum und ins Auto gezogen von einem kleinen, zum Glück sehr lebendigen Jungen, der meinen großmütterlichen Nebenstrang zu seiner schokolade-4-farbigen Stadt nicht kennt und der mit mir auch nicht ums Viereck sondern lieber ins Kinderzimmer spielen gehen will, doch das ging ja nicht, denn Frau März zerrte ihn, seinen familiären Anhang und mich natürlich an den Maschsee.

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8 Gedanken zu “Frau März hat recht, Zugfahren, Hannover mag die Zahl 4, der großmütterliche Nebenstrang, der kleine Junge.

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