Service an die Leserschaft: Illustration und Synästhesie.

Ein neuer Leser aus dem Bereich Illustration, stellt mir einige Fragen, die ich gerne beantworte, nicht zuletzt deshalb, weil ich das Wort Illustration sehr weißrothübsch finde. Und seinen Vornamen rilkerosenorange. Und weil Fragen ja zu neuen Gedanken führen und neue Gedanken sind meistens eine famose Sache.

Denkst du, du siehst die Welt generell anders, außerhalb dieser Verknüpfung mit Farben?

Zunächst würde ich das drittletzte Wort in der Frage gerne durch „Verbindung“ ersetzen, da es sonst wortverwandtschaftlich zu sehr in Richtung Horrorwort meines inneren Raums geht, siehe Beitrag Synästhesie und Mode. Und dann bin ich von diesem Wort zu sehr abgelenkt und kann mich gar nicht mehr inhaltlich auf die Frage konzentrieren. (Was die Frage vielleicht schon ein wenig beantwortet…).

Ich weiß nicht, ob ich die Welt überhaupt jenseits meiner Synästhesie sehen kann. Denn die synästhetischen Empfindungen prägen meine Weltwahrnehmung sehr stark. Beispiel Essen: finde ich ein Wort zu hässlich (wie z. B. beim bereits erwähnten Käsekuchenvorfall), fällt es mir schwer, mich dafür zu entscheiden, obwohl ich die dargebotene Speise eventuell geschmacklich sogar schätze.

Beispiel Reisen: Sieht ein Ort in meinem inneren Raum unattraktiv aus, kann er noch so sehr Weltkulturerbe sein – es wird schwer sein, mich zu überzeugen, dort dennoch hinzufahren. Ich bin jedoch meist offen für das, was sich Realität nennt. So ringe ich mich durch und bin am Ende natürlich begeistert. Doch zuerst ist Wahrnehmung und damit in diesem Fall Ablehnung.

Gleiches gilt auch umgekehrt: für mich klingt der Ort Kleckewitz äußerst verheißungsvoll. Genauso wie Siebenbürgen. Eine Reise würde ich buchen ohne Zögern! Einhalt gebieten muss mir meine Umgebung, damit ich so etwas nicht tue, ohne vorher einmal in Erfahrung gebracht zu haben, wie es dort wohl eigentlich aussieht.

Somit kann ich die Frage weder mit ja noch mit nein beantworten. Denn ich sehe die Welt nicht außerhalb der Verbindung mit Farben. Eigentlich bringt es jemand auf den Punkt, der mich gar nicht persönlich kennt: Er sieht meine „Lockenköpfe der Wörter, die Liebe zu den Farben, die ein viel wesentlicherer Bestandteil der Weltschaffung sind“. Das ist schnurschön auf den Punkt gebracht.

Wie weit hat die Synästhesie deine Entwicklung als Mensch beeinflusst?

Ich weiß ja nicht wie ich wäre, wenn ich ohne Synästhesie leben würde. Manchmal habe ich Assoziationsketten, die zu ganz anderen Orten führen, als meine Gesprächspartner auch nur erahnen können. Aber – das geht doch bestimmt auch anderen Menschen so? Bei denen sind die Querverbindungen im Gehirn nur anders geschaltet – aber Assoziationsketten sind ja etwas universelles. Synästhesie hat sicherlich meine Art zu denken beeinflusst. Meine Sprache. Und meine Art, die Welt zu sehen. Mich hat aber noch nie jemand gefragt: Sag mal, bist du Synästhetikerin? Du wirkst so auf mich…

Und dann kommt noch eine Frage aus illustratorischer Sicht dazu, nämlich ob vorgegebene Farben zu einer „Bevormundung“ führen können; es geht auch um die Sorge, die falschen Farben zu wählen. Wie ich das sehe?

Ich liebe die Farben im Außen genauso wie im Innen. Sie inspirieren und füllen den inneren Raum mit neuen Farbfreunden. Viel würde ich dafür geben, illustrieren zu können, was ich in mir sehe. Und bin immer froh, wenn jemand anders visualisieren kann, was er sieht und es teilt. Eine gute Illustration, gerne auch sonst wie farbig, erfüllt meinen inneren Raum mit einer ähnlichen Party wie Schneewörter, der echte Frühling und Wortfreund Klavikula-Fraktur.

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