Wenn doch endlich wieder Bänder durch die Lüfte flattern würden.

Blaue Bänder. Zwar ist Frühling für mich nicht blau und kündigt sich auch nicht durch einen Harfenton an (s. Möricke „Er ist’s“), doch die ersten Zeilen dieses Gedichts flattern wie ein Ritual in meinen inneren Raum hinein sowie es die ersten Tulpen für 2,99 Euro gibt. „Frühling lässt sein blaues Band/ wieder flattern durch die Lüfte“.

In einem meiner ersten Beiträge habe ich begonnen, über Jahreszeiten zu schreiben. Ich zitiere und verbessere mal nebenbei noch die Grammatik, jeijeijei…: wenn sich die Sätze im inneren Raum verselbstständigen und dann losgelassen werden, wird es wild, das Original wäre hier zu bewundern.

„Sommer – auch so ein Wort – hat Locken und ist eben sommerfarben. Leider gibt es kein Wort für die Farbe, hier der Versuch einer Beschreibung:

Sommer hat Locken nach links und ist leichtlilatiefschwarz und drumherum ist ein waldfarbener Grund. Waldfarben: eigentlich trauerweidengrün mit traurigen Augen.

Doch ich meine hier das klassische Waldgrün, auf das sich die Gesellschaft verständigt hat. Der Sommer mit seinen Locken nach Links ist sympathisch, doch schaut nicht so offen wie der Winter, der sich dem Betrachter stellt: in der Mitte des Wortes sind tiefe Einkerbungen, augenähnlich, sie schauen aus Grauweiß heraus und sind sympathisch, wenn auch nicht sehr konkret zu fassen.

Zum Frühling komme ich ein andermal, nur soviel: der ist äußerst komplex, weil gepunktet. Gefleckt.“

Heute ist „ein andermal“, heute komme ich zum Frühling aus dem Grund, dass er mir so schrecklich fehlt. Frühling als Wort: lindgrün, baumförmig, hellsanftrot, leicht rosa, aber eher erdig, mit einem sehr freundlichen F und etwas gepunktet. Im Hintergrund sind lindenblätterförmige Texturen zu erkennen.

Frühling als Jahreszeit: Verortet in meinem Bild von einem Jahr, zu dem ich ein andermal kommen werde. Auf jeden Fall hat der Frühling als Jahreszeit ähnliche Farbtöne wie das Wort. Jedoch ist bei der Jahreszeit mehr Gelb enthalten und Tupfer sind zu sehen, ein wenig wie Tautropfen.

Und wenn es das erste Mal ansatzweise nach Frühling riecht (wie vor ein paar Tagen, abends), dann erscheinen erst das Wort, danach die Jahreszeit und im Anschluss die ersten Mörickezeilen in meinem inneren Raum. Und ich sage: liebe Wortfreunde, lange vermisst, bitte bleibt. Und die Sehnsucht nach Frühling glaubt kurz, sie sei erfüllt. Ein reißender Wunsch nimmt von allem Besitz und plötzlich wird klar, keine Sekunde länger ist der schneelose Winter mehr zu ertragen.

Doch das charmant verniedlichte Eichhörnchen auf dem Balkon am nächsten Tag erinnert unbarmherzig an die Wahrheit: indem es mit der nasskalten Realität kämpft und leicht zitternd die letzten Nüsse ausgräbt.

Einen Streich hat einem die Abendluft gespielt, so ist es nämlich, sie hat einem das blaue Band verführerisch vor die Nase gehalten, und es ist noch jedes Jahr so gewesen, dass ich samt innerem Raum darauf reingefallen bin, eine Tulpe macht eben noch keinen Frühling. Doch ab jetzt ist die Sehnsucht allumfassend und jede Schneeflocke die noch käme wäre lediglich ein höhnischer Botschafter der Abendluft, die ein Versprechen gab und es nicht hielt.

Frühling

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9 Gedanken zu “Wenn doch endlich wieder Bänder durch die Lüfte flattern würden.

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