Berlin ohne Sommerprossen… synästhetische Geographie.

Nun liegt ja, wie bereits erwähnt, England oberhalb von meiner Stadt, obwohl das eigentlich wohl nicht ganz der Realität entspricht. Meine Einstellung zu gewissen Vereinbarungen, die eine Basis für eine sachorientierte Kommunikation schaffen, habe ich ja schon hinreichend beschrieben. Der Atlas ist, wie der Duden, sicher ein hilfreiches Instrument, durch das Kommunikation erleichtert wird.

Doch die innere Geographie sieht so anders aus. Jedes Land, jede Stadt, jeder Stadtteil sind seit dem Moment, in dem ich das erste Mal von ihnen gehört, sie gesehen, oder über sie gelesen habe, unveränderlich in diese Landkarte eingefügt. Für immer. Ich mag noch so oft die Abbildung der Außenrealität anschauen: Griechenland bleibt für mich weißgrau, türkeigroß und überlappt zur Hälfte den beigen Iran.

Eine Stadt in der Nähe heißt Lübeck und ist sehr, sehr rot mit orangefarbenen Anteilen. Das L steht äußerst prominent in der Mitte. Lübeck ist oberhalb meiner Stadt (die ist übrigens grünblau) und hat auch noch ein dubioses H mit im Zentrum. Es liegt die Vermutung nicht unnah, dass das H etwas mit dem Hansestadttitel zu tun hat, den die Stadt stolz vor sich her trägt.

Kiel ist in meiner inneren Landkarte oben links (statt oben eher rechts) und liegt über den Niederlanden, immens groß, ist ein grünblaues Wesen (es dominiert das Blau und das schwarze K) und schaut von oben links nach Deutschland hinein. Eigentlich verdeckt Kiel auch weite Teile Dänemarks.

Man könnte es ignorant nennen, dass der Bodensee für mich da liegt, wo eigentlich die Provence ist und dass Finnland ein langbreites gelboranges Land oben über Schweden ist mit Norwegen dazwischen, schwarzschmal, hellblau mit Hut und Stock.

Ebenso könnte sich die Tatsache, dass Berlin (liebegelb-grau) sich auf einer Höhe wie Hamburg befindet, als unwahrheitsgemäß herausstellen. Nebenbei bemerkt: Berlin überstrahlt die obere östliche Hälfte Deutschlands und hat Augen, so groß wie Schallplatten. Berlins Gesicht hat überhaupt keine Sommersprossen, sondern trägt vielmehr einen bröckeligen Chanellippenstift.

Das blaugrünwaldige Wort Brandenburg mit orangefarbenen Lettern (das sympathischere Orange) umschließt Berlin in alle Richtungen und ist überdies direkt verbunden mit den Brandenburgischen Konzerten von Bach. Sehe ich das Wort, so höre ich die Musik. Und höre ich die Musik, so sehe ich das Wort.

Es wird wieder und wieder ein Blick in den Atlas nötig sein, um die innere Landkarte mit der äußeren abzugleichen und Gesprächspartner nicht zur Verzweiflung zu bringen. Aber in den Harz reisen: dieses schwarze Gebilde, gleich neben Hannover (karokaffeebraun), mit dunklen Augen und schwarzkrausen Haaren auf den Fingern? Ungern, außerordentlich ungern.

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