Je suis… oder: synästhetische Geographie.

Was mich irritieren könnte, jedoch nicht irritiert, weil ich seit 30 Jahren daran gewöhnt bin, dass Dinge anders geschrieben werden als sie aussehen: Je suis Charlie. Je suis Ahmed. Weiß auf schwarzem Untergrund.

Wie meine Plakate aussehen würden:

„Je“: gelb auf Orange

„suis“: weißschwarz auf Orange

„Charlie“: theatralisches C, auch weißschwarz, das Wort mit lila Einstichen und das alles auf einem orangefarbenen Hintergrund. Denn Französisch ist durchweg orangeuntertongefärbt im Gegensatz zum grauweißhimmelblauen Englisch)

Bei „Je suis Ahmed“ ändert sich die Gesamtfärbung. Denn Ahmed ist hellblaugrau. Die Farbe schleicht sich ein wenig in das „Je suis“. Und hier ist der Hintergrund grauweißhimmelblau (fast wie Englisch aussieht).

Fremdsprachen haben ihre eigenen globalen Farben. Einzelne Wörter, bei denen ich das Glück habe, sie persönlich kennenzulernen, stechen individuell heraus.

Meine Fremdsprachen schmiegen sich in meinen inneren Atlas ein. So ist Französisch links von mir (ich schaue aus dem Süden). Rotorange. Die Sprache findet in meinem inneren Raum links statt. In meinem inneren Frankreich.

Englisch ist nördlich von mir, obwohl dem nicht so ist, doch England ist in meiner inneren Geographie nördlich von meiner Stadt. Grau, lila, manch grün, weiß, himmelblau. Englisch ist überfüllt. Französisch wird mit den Jahren ärmer. Spanisch lernte ich nur ein Jahr lang. Spanisch ist da, wo Spanien in meiner inneren Landkarte lokalisiert ist, unten links – hell beige, leicht orange, doch eher gold. Mit roten Bergen. Und mein Spanischlehrer steht mittendrin in seinem feinen Anzug mit dem Einstecktuch.

In der Türkei war ich noch nie. Die Sprache habe ich dennoch schon oft gehört. Die Türkei ist ganz unten und braungrün. So auch die Sprache – da ich sie nicht beherrsche, ist es eine braungrüne Masse mit Blattgoldelementen. Polen ist ein grünes (mit beigen Elementen) Land auf der rechten Seite gleich neben dem goldgelben Dresden unten rechts. Polnisch hat mehrere schwarze Ponyfrisuren. Im Drinnen. Die polnischen Wörter, die ich versucht habe zu lernen, haben ganz andere Farben. Doch Polnisch ist eben grünschwarz.

Und wie sieht Deutsch aus? Hell, heimelig, schwarz, weiß, gelb, rosa Streifen, deutschlandförmig. Deutschland ist im Zentrum meiner inneren Landkarte. München ist unten links, auch wenn dem gar nicht so sein soll, München ist graulila mit Punkten und hat eine mütterliche Frisur.

Vieles aus der Welt soll angeblich so sein, wie es auf Karten und auf Plakaten steht. Diese bilden offenbar eine vereinbarte Realität ab. Ich nehme zeitweise gerne an dieser Realität teil. Denn sie schafft Gemeinsamkeiten und bildet die Grundlage für einen konsensfähigen Austausch. Die Sprache, die im Duden steht, ist die Sprache, in der wir uns verständigen können. Ich sehe das ein. Ich mache mit. Zeitweise.

Doch: die Gedanken sind frei. So halte ich hiermit meinen synästhetischen Kugelschreiber hoch in die Luft.

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