Blaubeerkuchen oder Käsekuchen?

…fragt die Kellnerin. Es dauert mindestens eine Minute, bis ich mich gesammelt habe. Sie wartet geduldig.

Folgendes war geschehen:

Sie legte mir diese beiden Möglichkeiten dar. Nun war nicht etwa das Problem, dass ich mich nicht entscheiden konnte zwischen den Geschmacksrichtungen. Nein, nein, zu der Frage kam ich ja noch gar nicht. Ihre Frage eröffnete folgende synästhetische Kette in mir, die sich in dem Raum vor mir aufbaute und durch die ich mich erst einmal hindurchwahrnehmen musste, um zu dem Schluss zu kommen, welchen Kuchen ich wählen werde.

Blaubeerkuchen. Blaubeere ist eines meiner Lieblingswörter, denn es strahlt pinklilasilber und ist heimeligfreundlich. Eines der liebsten Wörter der Welt, die mich immer gütig anschauen, ähnlich wie Cupcake.

Kuchen passt nicht dazu, Kuchen, Mutterkuchen, Kuchen ist kein anziehendes Wort. Cake ist viel schöner, warum heißt es nicht Blaubeercake oder: noch besser, blueberry cake. Warum heißt es Kuchen, ein tiefrotes Wort, das im Mund riesig wird. Blaubeerkuchen – die Schöne und das Biest – nur mühsam und unter großem Einsatz aller Beteiligten zu vereinen.

Käsekuchen. Käse: das Wort verformt den Mund so unangenehm. Käse ist ein kaltgelbes Wort. Kuchen. Mutterkuchen. Kuchen. Riesig. Riesigkaltgelbes Gebilde in meinem Mund. In meinem Gedankenmund.

Aber Käsekuchen ist ja gemeinhin nicht mit Emmentaler (Emmen: gelbrosa, taler: blausilbergrauschwarzes T) hergestellt. Es gibt ja zum Glück noch ein Synonym: Quarkkuchen. Quark. Ein gutes Wort mit dem eleganten Q vornedran. Quark hebt die Mutterkuchenschwere auf. Den will ich. Quarkkuchen mag ich lieber als blueberry cake. Natürlich lediglich geschmacklich, als Wort ist blueberry cake fast unschlagbar. Jetzt käme es sicher komisch rüber, wenn ich sage, ich wolle Quarkkuchen.

Ich nehme dann (in Herrgottes Namen) den (kaltriesigen, doch bestimmt schmackhaften Quark-) Käsekuchen.

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